Viele Menschen gehen fälschlicherweise davon aus, dass normale Blutzuckerwerte automatisch auf einen gesunden Stoffwechsel hindeuten. Schließlich ist der Blutzuckerspiegel einer der wichtigsten Messwerte zur Früherkennung von Erkrankungen wie Prädiabetes und Typ-2-Diabetes, und erhöhte Werte gelten als anerkannter Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Doch der Blutzuckerspiegel erzählt nicht immer die ganze Geschichte.

In manchen Fällen bleibt der Blutzuckerspiegel im Normbereich, weil der Körper große Mengen Insulin produziert, um ihn dort zu halten. Äußerlich erscheint alles normal, doch das zugrundeliegende Stoffwechselbild kann ganz anders aussehen.

Wenn der Körper kompensiert

Steigt der Blutzuckerspiegel, schüttet die Bauchspeicheldrüse Insulin aus, welches die Zellen anregt, Glukose aus dem Blut aufzunehmen. Reagieren die Zellen weniger stark auf Insulin – ein Zustand, der als Insulinresistenz bekannt ist –, gleicht die Bauchspeicheldrüse dies durch die Produktion von mehr Insulin aus.

Eine Zeit lang funktioniert das. Der Nüchternblutzuckerwert bleibt im Bereich von 70–99 mg/dl (3.9–5.5 mmol/l), der HbA1c-Wert unter 5.7 %, und Stoffwechselstörungen bleiben möglicherweise unbemerkt. Doch im Hintergrund können die Insulinwerte erhöht sein, da die Bauchspeicheldrüse verstärkt arbeiten muss, um diesen „normalen“ Blutzuckerspiegel aufrechtzuerhalten.

Dieser Kompensationszustand kann jahrelang anhalten, bevor der Blutzuckerspiegel wieder ansteigt.

Ein genauerer Blick: Insulinkompensierte Normoglykämie

In einer 2026 veröffentlichten Arbeit untersuchten Cooper und Kollegen dieses Phänomen genauer und führten den Begriff insulinkompensierte Euglykämie (ICE) ein.

In dieser Studie wurden schlanke, gesunde Frauen, die sich seit mehreren Jahren ketogen ernährten, angewiesen, ihre Kohlenhydratzufuhr drei Wochen lang auf über 200 Gramm pro Tag zu erhöhen. Anschließend maßen die Forscher die Veränderungen ihrer Blutzucker-, Insulin- und Ketonwerte.

Trotz der deutlich erhöhten Kohlenhydratzufuhr blieben die Blutzuckerwerte vieler Teilnehmer im Normbereich. Dies ging jedoch mit einem signifikanten Anstieg des Insulinspiegels und einer deutlichen Unterdrückung der Ketonkörperproduktion einher.

Anders ausgedrückt: Der Blutzuckerspiegel blieb normal, jedoch nur, weil der Insulinspiegel anstieg, um die höhere Kohlenhydratzufuhr zu regulieren. Als die Frauen zu ihrer üblichen, sehr kohlenhydratarmen Ernährung zurückkehrten, sanken die Insulinwerte und die Ketonkörperproduktion setzte wieder ein, was eine Rückkehr zu einem Zustand mit niedrigerem Insulinspiegel widerspiegelte.

Wichtig ist, dass diese Studie an einer spezifischen Population unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt wurde: schlanke, gesunde Frauen, die sich jahrelang ketogen ernährt hatten und anschließend eine kurzfristige Erhöhung der Kohlenhydratzufuhr durchliefen. Dennoch zeigen die Ergebnisse, wie normale Glukosewerte zugrundeliegende Stoffwechselveränderungen verschleiern können.

Warum dies wichtig ist

Diese Ergebnisse unterstreichen einen wichtigen Punkt: Normale Glukose- und HbA1c-Werte bedeuten nicht zwangsläufig, dass der Insulinspiegel niedrig ist oder dass die Stoffwechselgesundheit optimal ist.

Anhaltend erhöhte Insulinwerte (Hyperinsulinämie) werden mit einer Reihe von Stoffwechselstörungen in Verbindung gebracht, selbst wenn der Blutzuckerspiegel im Normbereich liegt. Mit der Zeit kann die Bauchspeicheldrüse diese erhöhte Insulinproduktion möglicherweise nicht mehr aufrechterhalten. In diesem Fall steigt der Blutzuckerspiegel an, und Erkrankungen wie Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes können diagnostiziert werden. Zu diesem Zeitpunkt besteht die Stoffwechselstörung jedoch oft schon seit Jahren.

Darüber hinaus sind Nüchternblutzucker und HbA1c zwar wertvolle Instrumente, erfassen Veränderungen aber meist erst spät im Krankheitsverlauf. Das bedeutet, dass jemand allein anhand dieser Werte metabolisch gesund erscheinen kann, während die zugrunde liegende Insulindynamik ein anderes Bild zeichnet.

Kohlenhydratreduktion, Ketone und metabolische Einblicke

Bei einer deutlichen Reduzierung der Kohlenhydratzufuhr sinkt der Insulinspiegel, wodurch der Körper Fett als Energiequelle nutzen kann. Die Leber wandelt diese um Fett- Säuren werden in Ketone umgewandelt, darunter Beta-Hydroxybutyrat (BHB), dessen Konzentration im Blut innerhalb weniger Tage ansteigt.

Hier kann die Messung von Ketonen erfolgen. liefern wertvolle Erkenntnisse. Da Insulin die Ketonkörperproduktion hemmt, können die Ketonkörperwerte Aufschluss darüber geben, wie viel Insulin im Verhältnis zum Bedarf des Körpers im Blut zirkuliert:

  • Niedrige Ketonwerte bei gleichzeitig normalem Blutzuckerspiegel können auf einen relativ erhöhten Insulinspiegel hindeuten.
  • Messbare Ketone Normale Blutzuckerwerte deuten im Allgemeinen auf niedrigere Insulinspiegel und eine größere metabolische Flexibilität hin.

In ihren Veröffentlichungen beschreibt Dr. Cooper eine personalisierte Hyperinsulinämie-Schwelle (PIT), den Punkt, an dem der Insulinspiegel für die individuelle Stoffwechselkapazität zu hoch ist. Bei Personen, die sich ketogen oder kohlenhydratarm ernähren, deuten konstant niedrige Ketonwerte – BHB unter 0.5 mmol/L nach mindestens dreistündiger Nahrungskarenz – darauf hin, dass der Insulinspiegel im Verhältnis zum individuellen Bedarf erhöht sein könnte, selbst wenn er innerhalb der üblichen Nüchterninsulinwerte liegt.

Die Messung der Ketonkörper, mit oder ohne Glukose, bietet daher eine einfache Möglichkeit, zu beobachten, wie der Stoffwechsel im Laufe der Zeit reagiert und ob Anpassungen in der Ernährung oder anderen Bereichen erforderlich sind, um einen Fortschritt in die richtige Richtung zu gewährleisten.

Ein umfassenderer Blick auf die metabolische Gesundheit

Die Aufrechterhaltung eines normalen Blutzuckerspiegels ist wichtig, aber die Art und Weise, wie er aufrechterhalten wird, ist genauso wichtig.

Wie die Forschung zeigt, Der Blutzuckerspiegel kann selbst bei erhöhten Insulinwerten im Normbereich bleiben. Dieser Zustand – die insulinkompensierte Euglykämie (ICE) – könnte ein früheres Stadium einer Stoffwechselstörung darstellen.

Die Bestimmung der individuellen Hyperinsulinämie-Schwelle anhand von Blutketonmessungen kann Aufschluss darüber geben, ob der Insulinspiegel im Verhältnis zum Bedarf der jeweiligen Person erhöht ist. Dies kann wertvolle Erkenntnisse darüber liefern, ob Ernährung und Lebensstil angepasst werden müssen, um die Stoffwechselgesundheit zu optimieren.

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